Früher war mehr Anarchie

Eigentlich sollte mensch kulturpessimistischen Impulsen grundsätzlich widerstehen, weil sie geradewegs in die Regression führen. Dennoch: Die alten Anarchos hatten es einfacher als heute. Als Michael Bakunin auf den Barrikaden Europas seinen Revolver schwang, war die Sache jedenfalls klar, weil die Herrschaftsverhältnisse ebenso klar waren. Wenn Adel und Klerus einen Kopf kürzer waren, Polizei und Militär nichts mehr zu melden hatten und die Kapitalisten enteignet waren, war die Sache eigentlich geritzt: keine Herrscher, keine Herrschaft, also Anarchie. Utopie verwirklicht.

Definitiv auch ein Symbol von Herrschaft: Kreuz in der Landschaft, in der das Val Dieu gebraut wird

Nach aktuelleren Analysen von Macht und Herrschaft liegt die Angelegenheit bei weitem nicht so einfach. Herrschaft kennt weitaus mehr Praktiken als Überwachen und Strafen. Die personalisierte Form der Herrschaft ist zwar nicht aus der Welt, wird aber zunehmend weniger relevant. Herrschaft heute organisiert sich viel stärker über Ein- und Ausschlüsse (z. B. in Rahmen von Kommunikation), ist oft anonym (wie der Kapitalismus) oder gar inkorporiert (wie beim Geschmack). Oft ist es auch eine Frage der Perspektive, ob eine Operation als Herrschaftspraktik wahrgenommen wird oder nicht: Wo die einen Empowerment fordern, wollen sich andere nicht als Opfer konstruiert sehen. Aus der allgegenwärtigen Matrix der Herrschaft scheint es so recht kein Entkommen zu geben.

Für den Anarchismus folgt daraus es ein gewisses Dilemma, das dazu führt, dass manche Anarchist*innen nur noch von herrschaftsarmen Verhältnissen sprechen und nicht mehr von Herrschaftslosigkeit, weil das allzu naiv und unkritisch gegenüber den subtilen Herrschaftsweisen rüberkommt. Je subtiler die Herrschaftsweisen funktionieren, desto sensibler wird die Gesellschaft (allen voran die herrschaftskritischen ZeitgenossInnen) für Herrschaftspraktiken und desto mehr Herrschaftsweisen werden entdeckt, für die die Gesellschaft bislang blind gewesen ist. Wenn das zutrifft, hat das anarchistische Vorhaben, HERRschaftslosigkeit zu verwirklichen und Sisyphos eine Menge gemeinsam.

Prost
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