Konsens, Dissens und soziale Praxis

Manchmal müssen im SZ Entscheidungen getroffen werden. Welches Bier wird bestellt, wie funktioniert das mit dem Putzen, wen beauftragt man, mit den Vermietern zu reden? Bei solchen Entscheidungen sollte niemand untergebuttert werden und deshalb ist es gute basisdemokratische Tradition, Entscheidungen auf eine möglichst breite Basis zu stellen und im Konsens zu entscheiden. Wenn sich alle einig sind, wissen nicht nur alle Bescheid, sondern es muss sich auch niemand übergangen fühlen.

In vielen linksradikalen Läden wurde sich darauf verständigt, nur veganes Essen anzubieten. Das ist Anbetracht des Tierleids nachvollziehbar und auch Menschen leiden unter dem weltweit stetig wachsenden Bedürfnis nach tierischem Eiweiß: Es geht viel Land für den Anbau von Futtermittel (z.\,B. Soja) verloren, das viele Menschen satt machen könnte. Aus diesen und anderen guten Gründen wurde bereits zu Gründungszeiten des SZ gefordert, ausschließlich pflanzliche Lebensmittel in der Küche zuzulassen. Wir haben uns damals dennoch dagegen entschieden und diese Entscheidung wird mittlerweile angezweifelt: Ein veganer Konsens soll her.

Das SZ war von seinem Anspruch immer ein Projekt, das möglichst wenig auf soziale Abgrenzung aus ist. Klar ist natürlich, dass jeder linke Laden nicht alle Menschen gleichermaßen anspricht, weil man in linken Läden damit rechnen muss, Leute zu treffen, für die Staat, Nation und Kapitalismus keine Selbstverständlichkeiten darstellen. Auch sollten bestimmte andere Dinge klar sein: Wir wünschen nicht nur eine Gesellschaft frei von Diskriminierung und Benachteiligung, sondern unsere Räume sollten dies schon jetzt sein. Auch wenn es nicht immer klappt, so denken wir, ist das im SZ Konsens; ohne dass dafür extra ein Beschluss auf dem Plenum her muss, ganz einfach weil es soziale Praxis im SZ ist, erst einmal allen Menschen mit einem gewissen Vertrauensvorschuss zu begegnen.

Was mit dem vegan Konsens gefordert wird, ist gerade deshalb kein Konsens, weil die soziale Praxis der Nutzer/innen offenkundig anders aussieht. Zumal nicht alle Menschen, die fordern, dass SZ solle bitte schön ein veganer Raum werden, auch zuhause vegan leben. Das hat schon was von Doppelmoral: Im SZ auf vegan und moralisch machen, aber im Privaten dem Laster nachgeben. Wäre vegan soziale Praxis im SZ, wäre ein Plenumsbeschluss, der sich Konsens nennt, hinfällig. Ein solcher „Beschluss“ hat entweder den Charakter eines Verbots oder eines Tabus. Beides ist irgendwie kacke.

Ein Appell hätte es ebenso getan und hätte wahrscheinlich zum gewünschten Ergebnis geführt. Gute Gründe gibt es ja.

Prost

Deine Gärbar-Crew