Craftbeer seit 1862

Wirkt ein wenig trotzig, hat aber dennoch einen wahren Kern
Wirkt ein wenig trotzig, hat aber dennoch einen wahren Kern

Das Plakat, auf dem im Uerige darauf hingewiesen wird, das man bereits seit 1862 Craftbeer mache, wirkt ein wenig trotzig. Die Botschaft ist eindeutig: Wir bleiben uns treu und haben schon gutes, handwerkliches Bier gemacht, als es „Krafft-Bier“ noch gar nicht gab. Wir finden es gut und richtig, dass mit der Craftbeer-Welle kleinere und kreative Brauer_innen mitschwimmen können und so die Bierlandschaft bereichern. Aber wir teilen tendenziell den Duktus des Plakats: Traditionsreiche Brauereien, wie zum Beispiel Girardin aufzuspüren, die der allgemeinen Lagermode trotzig ausgeharrt und ihr Ding durchgezogen haben, hat seinen eigenen Reiz.

Genauer betrachtet offenbart das Plakat jedoch eine gewisse Widersprüchlichkeit, die dem Label Craftbeer generell zu eigen scheint. Auf dem Plakat ist das Uerige Doppelsticke zu sehen. Dieses Bier wird seit 2005 für den amerikanischen Markt gebraut. In Düsseldorf hat man also die Zeichen recht früh für diesen kleinen, aber recht kaufkräftigen Craftbeermarkt erkannt.

Es geht also mehr um die Inszenierung von Authentizität und das funktioniert nach dem gleichen ideologischen Muster, nach dem sich das Reinheitsgebot als „rein“ inszeniert. Es bedarf der Konstruktion eines illegitim Anderen. Im Falle des Craftbeers ist es das industrielle Massenbier. Diese Gegenüberstellung von Qualität bzw. Genuss und Quantität bzw. Rausch (als ob wir das gute Zeug nur für den reinen Genuss trinken würden) schafft erst das Produkt, das der kaufkräftigen Mittelschicht so gut schmeckt. Vielleicht könnte man in diesem Zusammenhang von immaterieller Arbeit im Sinne Antonio Negris sprechen, weil der Wert der Ware vor allem ein Produkt kommunikativer Akte darstellt, welche angereichert werden durch eine verstetigte, positive Selbstkonditionierung, die sich in der Jagd auf das neue tolle, extravagante Bier manifestiert.

Viel Spaß dabei.

In Eurer
Gärbar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.