Hallo Bernd Stegemann und Sarah Wagenknecht,

es gibt Momente, da läuft es einem kalt den Rücken runter. So auch bei der Lektüre eures Textes (oder müsste es Pamphlet heißen?), in dem ihr eure Position für eine Sammlungsbewegung offenbart. Der Text ist rhetorisch gut gemacht. Das war auch nicht anders zu erwarten. Bekanntermaßen geht es in der Rhetorik ja nicht um Wahrheit oder dergleichen, sondern lediglich darum, die eigene Position mit allen Mitteln der Kunst überzeugend darzustellen. Ihr seht also in linker Moral, die sich in der Position nach offenen Grenzen manifestiert, eine Verschwisterung mit dem Neoliberalismus. Begründet wird das Ganze quasi materialistisch: Dieses ganze Gerede von offenen Grenze, ließe sich eben nur formulieren, wenn man wie die Made im neoliberalen Speck säße. Offenkundig wisst ihr, dass die von Euch vorgeschlagene Anbiederung an den rassistischen Mob Bullshit ist. Deshalb bleibt der einzig anwendbare Kniff, die Sprecher*innenposition selbst zu diskreditieren, indem sie als bürgerlich diskreditiert wird.

Dass jeglicher Nationalismus auf falschen Prämissen beruht, darauf geht ihr mit keinem Deut ein. Beruhen nationalstaatliche Grenzen etwa nicht auf Konstruktionen, die somit auch verändert bzw. abgeschafft werden können? Woher nehmen sich also sog. Europäer das Recht, Menschen aus anderen Erdteilen davon abzuhalten, diesen Kontinent zu betreten? Zumal das bedeutet, dass nahezu täglich Menschen im Mittelmeer ertrinken, sodass die Situation ziemlich beschämend ist? Mit Verlaub: Hier ist die katholische Kirche weiter als ihr und die CSU. Sie kann immerhin einen menschlichen Universalismus denken, weil sie Erde und Mensch als Produkt eines Schöpfers denkt und damit liegt sie der Wahrheit näher als jene, die in territorialen Grenzen ein quasi natürliches Produkt sehen. Dabei beruht diese Grenze lediglich auf Gewalt.

Was würdet ihr eigentlich zwei Kindern raten, die sich um einen Kuchen streiten? Wäre das Recht des Stärkeren eine moralisch gute Position? Oder würdet ihr vielleicht dazu raten, den Kuchen einfach gerecht aufzuteilen? Es ist nun mal so: Im Kapitalismus konkurrieren Menschen unabhängig von ihrem Willen miteinander. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Das Konkurrenzspielchen aktiv mitspielen oder den Geist der Konkurrenz zu überwinden, um kooperative Beziehungen aufbauen. Ratet mal wofür wir sind?
Prost

Deine Gärbar-Crew