English Ales – ein Reisebericht in der Ich-Perspektive (Lobhudelei)

„Wir fahren nach England und ich freue mich schon auf das englische Bier.“, erzählte ich meinem Nachbarn. „Englisches Bier? Das ist ja e-kel-haft. Warm und schal. Einfach ungenießbar.“ Ich ließ das mal so stehen. Jedenfalls freute ich mich auf England. Und vor allem auf die Pubs und auf die Ales. Ich habe sogar auf die Anschaffung eines neuen Rennrades verzichtet, mit dem Vorsatz die Hälfte dessen, was das Rad gekostet hätte, zu versaufen. Es stand also ein Betrag von rund 600 € zur Verfügung.

Ich hatte noch kein schlechtes Bier von der Insel getrunken. Zugegeben ist die Auswahl britischer Biere in Bochum nicht sehr groß. Es gibt neben Newcastel Ale (vielleicht habe ich doch schon ein schlechtes englisches Bier getrunken, aber schon lange her) manchmal Bishops Finger, Spritfire und Abbot zu kaufen. Aber zu Unsummen. Deshalb halte ich mich eher ans Düsseldorfer Alt (Schumacher, Uerige), wenn mir nach einem Ale ist, das man auch in einem englischen Pub als lokale Spezialität verkaufen könnte.

In den 90er Jahren gab es in GB Bestrebungen, billiges Lager an die Taps zu bringen. Dagegen formierte sich die Campaign for Real Ale, kurz CAMRA. Ein Bierfreund brachte mir noch am Tag der Abreise in aller Herrgottsfrühe CAMRA’S Good Bottled Beer Guide und CAMRA’S Good Beer Guide vorbei, damit wir, wie er meinte, nicht die Orientierung verlören. Die Kampagne war recht erfolgreich. Zwar bekommt man in den Pubs auch billiges Lager, aber immer auch lokale Ales, die, wie es sich gehört, ins Pint gepumpt werden.

In England gibt es einen echten Unterschied zwischen Fass- und Flaschenbier, den jede sofort schmeckt. Gezapftes Bier ist flat, was am besten mit still übersetzt werden kann. Im Idealfall ist es nicht pasteurisiert. Es bleibt dem Wirt überlassen, den Reifeprozess zu beobachten und den richtigen Zeitpunkt für den Ausschank auszuwählen. Es kann also sein, dass ein Bier aus der gleichen Brauerei in unterschiedlichen Pubs je nach Lagerung unterschiedlich schmeckt. Fantastisch.

Vor meinem ersten Pub-Besuch in Bidefort war ich ein wenig aufgeregt. Da man in England das Bier an der Theke bestellt (wie in der Gärbar also), erregten wir unmittelbare Aufmerksamkeit. Es sprach sich wohl schnell herum, dass Deutsche explizit nach lokalen Bieren gefragt hätten. So kamen wir schnell ins Gespräch mit den Leuten und quatschten über Knödel, Brexit und eben britisches Bier.

Im Glas hatte ich ein Otter Bitter. Das Zeug hat nur 3,6 Vol. Prozent und ist eine wahrhafte Aromenwiese. Richtig gutes Zeug. Das sollten sich die ganzen Craft-Bier-Hippster-Yuppies mal hinter die Ohren schreiben: Gute Biere verstecken den Alkohol, bessere Biere kommen ohne hohe Prozentwerte aus.

Bidefort hatte schon bessere Zeiten erlebt, das sieht man der Stadt direkt an. Dennoch gibt es vor Ort eine kleine Brauerei, die ein paar örtliche Pubs beliefert. Wir haben einen Tipp bekommen, wo das Jellyboat ausgeschenkt wird. Dieser Pub hatte eher Jugendheim-Charakter, was durch den Billard-Tisch noch verstärkt wurde, und muss der lokalen Alternativ-Szene als Treffpunkt dienen. Dennoch machte das Publikum, wie in allen Pubs, keinen homogenen Eindruck. Ein paar ältere Leute saßen an der Theke neben ein paar Freaks und ein paar jüngere Gäste spielten Billard. Die Szene fügte sich in das Bild, das gerne von Pubs verbreitet wird: Im Pub trifft sich Hinz und Kunz (ähnlich wie in der Gärbar, wo das Publikum auch eher heterogen ist). Das Jellyboat selbst roch nach Butterkeks. Butteraromen gilt hierzulande als Fehlton und ist im Bier unerwünscht. Das galt aber für Bretanomices auch mal. Der Fehler von Heute kann also zum Trend von Morgen werden. Mir hat dieses Bitter jedenfalls gut geschmeckt.
Im nächsten Pub probierte ich ein Proper Job. Das Proper Job ist ein britisches IPA mit 5, 5 Prozent und hat sich wohl zu meinem britischen Lieblingsbier gemausert. Es hat eine schöne Nase, ist fein bitter und schmeckt sowohl aus der Flasche als auch aus dem Fass. Bislang dachte ich, dass IPA so bei 6 Vol. Prozent starten. Ich wurde eines besseren belehrt. Auf der Insel fangen IPA, so ist es im CAMRA’S Good Botteled Beer Guide nachzulesen, ab 4, 8 Vol. Prozent an. Und wiedereinmal ging ein liebgewonnenes Koordinatensystem von Schubladen zu Bruch.

„Drink up, please!“, forderte Caroline ihre Gäste auf. Die Sperrstunde nahte. Eigentlich ist sie ja abgeschafft, aber es müssen wohl Lizenzen erworben werden, um länger geöffnet zu haben, was sich anscheinend für viele Pubs nicht lohnt. So bleibt die Sperrstunde für viele Pub-Besucher erhalten. Eingeführt wurde sie ursprünglich, um die Arbeitsfähigkeit der Arbeiterklasse nach dem Zechen zu gewährleisten. Mittlerweile ist sie den Sicherheitsbehörden ein Dorn im Auge. Weil in den Großstädten viele Besoffene zur gleichen Zeit den Pub verlassen und sich an U-Bahnhöfen oder Imbissen begegnen, kommt es oft zu Schlägereien. Es ist wie so oft im Leben. Man meint ein Problem gelöst zu haben und hat sich mindestens doppelt so viele geschaffen.

Die Bierauswahl in einem größeren Supermarkt ist fantastisch. Wie heißt es in CAMRA’s Good Bottled Beer Guide: „Shopping for good bottled beer has never been easier. The major supermarkets now offer a wide varierty of beers“ (S. 405). Im Supermarkt gibt es die Biere im Massenrabatt. Vier Flaschen a 0, 5l. für 6 Pfund. Ein Bier kostest somit ca. 1, 95 Euro. Es gibt auch Craft-Beer von der Insel und Importe aus den USA oder auch Island auch zum Kurs 4 für 6. Allerdings wird das Craft-Beer in 0, 33 l. Flaschen abgefüllt. Aber wer braucht schon ein neues IPA aus den USA, wenn britische Originale daneben stehen?

Leider habe ich es nicht geschafft die 600 € zu versaufen. Dafür stand zu oft hartes Wandern auf dem Programm der Feriengemeinschaft. Auch wenn es mein Nachbar nicht nachvollziehen kann: Bislang dachte ich, dass in Belgien die besten Biere der Welt gebraut werden. Die Belgischen Brauer(innen) haben es zugebender Maßen wirklich drauf, hohe Prozentwerte im Bier zu verstecken. Englische Ales kommen ohne viel Volumenprozent aus. Chapeau!

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Craftbeer seit 1862

Wirkt ein wenig trotzig, hat aber dennoch einen wahren Kern
Wirkt ein wenig trotzig, hat aber dennoch einen wahren Kern

Das Plakat, auf dem im Uerige darauf hingewiesen wird, das man bereits seit 1862 Craftbeer mache, wirkt ein wenig trotzig. Die Botschaft ist eindeutig: Wir bleiben uns treu und haben schon gutes, handwerkliches Bier gemacht, als es „Krafft-Bier“ noch gar nicht gab. Wir finden es gut und richtig, dass mit der Craftbeer-Welle kleinere und kreative Brauer_innen mitschwimmen können und so die Bierlandschaft bereichern. Aber wir teilen tendenziell den Duktus des Plakats: Traditionsreiche Brauereien, wie zum Beispiel Girardin aufzuspüren, die der allgemeinen Lagermode trotzig ausgeharrt und ihr Ding durchgezogen haben, hat seinen eigenen Reiz.

Genauer betrachtet offenbart das Plakat jedoch eine gewisse Widersprüchlichkeit, die dem Label Craftbeer generell zu eigen scheint. Auf dem Plakat ist das Uerige Doppelsticke zu sehen. Dieses Bier wird seit 2005 für den amerikanischen Markt gebraut. In Düsseldorf hat man also die Zeichen recht früh für diesen kleinen, aber recht kaufkräftigen Craftbeermarkt erkannt.

Es geht also mehr um die Inszenierung von Authentizität und das funktioniert nach dem gleichen ideologischen Muster, nach dem sich das Reinheitsgebot als „rein“ inszeniert. Es bedarf der Konstruktion eines illegitim Anderen. Im Falle des Craftbeers ist es das industrielle Massenbier. Diese Gegenüberstellung von Qualität bzw. Genuss und Quantität bzw. Rausch (als ob wir das gute Zeug nur für den reinen Genuss trinken würden) schafft erst das Produkt, das der kaufkräftigen Mittelschicht so gut schmeckt. Vielleicht könnte man in diesem Zusammenhang von immaterieller Arbeit im Sinne Antonio Negris sprechen, weil der Wert der Ware vor allem ein Produkt kommunikativer Akte darstellt, welche angereichert werden durch eine verstetigte, positive Selbstkonditionierung, die sich in der Jagd auf das neue tolle, extravagante Bier manifestiert.

Viel Spaß dabei.

In Eurer
Gärbar