499 Jahre Reinheitsgebot steigern die Lust …

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… auf unreines Bier. Wir feiern den Tag des Deutschen Bieres auf unsere Art. Mit diesem ominösen Tag soll an das Reinheitsgebot vom 23. April 1516 erinnert werden. Gleichzeitig ist der 23. Aprilauch der Welttag des Buches, eingerichtet von der Unesco, ein Feiertag für das Lesen, aber auch für das Copyright, die Rechte von Autoren.

Wir sind ja eher für diese andere Welt mit Copyleft und Grundeinkommen für alle. Und wir könnten uns auch vorstellen, dass es stattdessen einen Welttag des Bierbuches geben könnte, als Verbindung aus beiden Feiertagen.

Zur Feier des Tages holen wir jedenfalls aus dem Keller – auf Anraten der Brauerin, die Lust auf etwas Süßes im Sauren hat – ein Oud Beersel Vieille Kriek von 2002. Über 13 Jahre alt ist dieses nicht nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraute belgische Bier aus dem schönen Ort Beersel, gelegen im spontan vergärenden Pajottenland rund um Brüssel. 200 Gramm Kirschen sind drin, roher Weizen, keine Hefe, sondern das, was in der Luft, in den Fässern so an Mikroorganismen herumschwirrt, macht dieses Kirschbier zum Erlebnis, nach Fasslagerung und Flaschengärung. Und es hätte noch älter werden können. Bis 2027 ist auf dem Haltbarkeitsdatum angegeben – bei Geuzen sind 25 Jahre ab Abfülldatum regulär angegeben – das muss ein deutsches Reinheitsgebotsbier erstmal schaffen (unpasteurisiert). Fruchtbiere wie das Kriek sollen weniger dauerhaft sein, der Fruchtgeschmack nimmt ab, die Säure nimmt zu, die Nachgärung in der Flasche wandelt die restlichen Zucker zu Alkohol – so weit sie es zulassen oder bis der zunehmende Alkoholgehalt sie bremst. Nicht jedoch das Oude Kriek Vieille.

Das Oude Kriek Vielle der Brauerei Oud Beersel ist genau das, was die Brauerin wünscht: Es ist nicht stark sauer, hat eine feine Restsüße, schmeckt intensiv nach Kirsche, besitzt den reinen Rotton und die kräftig-weiße Schaumkrone. Wir würden sagen: Das beste Kriek seit langer Zeit – noch dazu ein so altes.

Gebraut wurde es noch in der Zeit, als Henri Vandervelden II lebte, wahrscheinlich von Danny Draps, der die Kneipe direkt neben der alten der Vanderveldens übernommen hatte. Zu dieser Zeit war der 1926 geborene Vandervelden schon in Pension und die Würzeproduktion an die Brauerei Boon ausgelagert, die Gärung lief aber noch in den alten Fässern. Vor etwa sieben Jahren waren wir mal wieder dort. In der alten Kneipe ist jetzt ein Blumenladen, die Wiedereröffnung der Brauerei 2005 durch Gert Christiaens und Roland de Bus liegt auch schon wieder einige Jahre zurück, inzwischen schmeißt Gert mit seinem Vater Jos den Laden. Ihn, der gut deutsch spricht, konnte man auch ein paar Mal beim Festival der Bierkulturen im Kölner Ehrenfeld sprechen.

Wer Gelegenheit hat, an einem Wochenende sich die Brauerei anzusehen: Unbedingt! Es gibt kein besseres Museum für Lambik und Geuze. Die Anlagen sind uralt, die Fässer dito, zumindest waren sie es damals. Ein Fest für das Auge. Und selbstverständlich schmeckt das Oud Beersel nicht wie das Boon, auch wenn die Würze dort gekocht wird, ausgebaut wird es in Beersel, Oud Beersel ist deswegen heute eher eine Stekerij.

Für das Oud Beersel Vieille gibt es keinen Ratebeer-Eintrag, die neuen Biere haben gut-gestylte Etiketten und kommen in der gewichteten Bewertung auf eine gute Note von 3,84, der höchsten für all ihre verschiedenen Biere. Die Brauerin hat also durchaus recht, wenn sie das Oud Beersel Oude Kriek als eines der besten Kriek-Biere empfiehlt – gerade an einem so reinen Tag wie heute. Jeder Tag ein Feiertag.