OMG: Craft Beer ist Mainstream!

In einer großen Supermarktkette ist letztens etwas Verstörendes passiert: Es gab ein kleines Craft-Beer-Regal, was ja für sich genommen nichts mehr Besonderes ist: In vielen Supermärkten gibt es mittlerweile Craft-Beer-Abteilungen und insgeheim freuen wir uns über diese Entwicklung. Belgische Verhältnisse sind ja nicht die Schlechtesten. Diesmal stand aber das von uns so geschätzte TAP 5 im Regal. Und das löste einen Stich aus, der sich in diese Richtung anfühlte: Wenn die hier das TAP 5 verkaufen, hat die Gärbar doch eigentlich ihre Existenzberechtigung verloren? 

Zwar mögen nicht alle von der Crew das TAP 5, aber einige würden es mit auf eine einsame Insel nehmen. Ursprünglich wurde das TAP 5 für den amerikanischen Markt entwickelt. So etwas wollten uns die Schneiders wohl nicht zumuten. Das TAP 5 korrespondiert gut mit der Identität der Gärbar und vereinigt viele Eigenschaften, die wir an einem Bier schätzen. Vor allem finden wir gut, dass es ein Unikat darstellt, das mit einer ordentlichen Portion Hopfen in der Tasche, die vielen Volumenprozente gekonnt kaschiert.  Außerdem taugt es als Substitut fürs Orval und es gab eine Zeit vor dem Craft-Beer-Hype, da war dieses Zeug ein echter Geheimtipp und nirgends außer in einem schmuddeligen Getränkemarkt an der Gahlenschen Straße zu bekommen. Auch dort gab es eine Zeit lang Lieferengpässe, sodass ein Bierfreund sich eine Europalette nach Hause hat liefern lassen. Von da an hieß es für ihn: Jeden Tag TAP 5.  

Dass das TAP 5 im Supermarkt stand, war die Verdinglichung dessen, was schon länger klar ist, aber stets verdrängt wurde: Craft Beer ist sowas von kommerz und mainstream, dass ein ganze Armada von Werbetextern uns einzuträufeln versucht, dass Craft Beer etwas total authentisches, einzigartiges und echtes wäre. Echtes Handwerk eben. Das wird manchmal so auf die Spitze getrieben, dass man sich unweigerlich an die Unterscheidung vom raffenden und schaffenden Kapital erinnert fühlt. Und damit diese Illusion des Einzigartigen aufrechterhalten wird, müssen immer neue Biere her. Da sich das Neue und Einzigartige im Gebrauch gewissermaßen abnutzen und nur eine geringe Halbwertzeit besitzt, entsteht ein besonders dynamischer Markt, der vor allem vom Trend lebt und davon, diesen zu setzen. Da dieser Markt vor allem auf Exklusivität setzt, sind ihm kommerzielle Erfolgsschranken eingebaut. Es ist so wie mit Punk-Bands: Werden sie zu erfolgreich, hören sie auf Punk zu sein, auch wenn die Musik die gleiche ist.  

Die Währung, mit der auf diesem Markt gehandelt wird, heißt Authentizität. Bei Authentizität handelt es sich um ein mehr oder weniger romantisches Konzept, das dichotom aufgebaut ist: Hier das Echte, wahre Wesen und dort der falsche Schein, die Entfremdung. Hier das echte Bier aus einer inhabergeführten Brauerei, dort der anonyme Lebensmittelkonzern, der u. a. auch Bier macht. Hier der heiße Scheiß, dort die Fernsehplörre. Es mag einen Grund dafür geben, dass oft übersehen wird, dass dieses oppositionelles Gefüge existiert, sodass das Echte nicht ohne das Falsche auskommt. 

Ganz ähnlich funktioniert die Herstellung von Individualität. Das Gegenteil von Individualität ist Kollektivität bzw. das Soziale. Das Soziale erscheint als etwas, das dem Individuum von außen als Zwang auferlegt ist (von der Gesellschaft zum Beispiel) und ist damit ziemlich unauthentisch, woraus der wiederum ziemlich unauthentische Versuch zur Individualität resultiert, deren Herstellung das Soziale voraussetzt, sodass das Individuum ohne das Soziale nicht denkbar ist. All das scheint der junge Punk nicht zu begreifen, wo es sich doch gerade so nonkonform, individuell und authentisch anfühlt.   

Dieses Nichtbegreifen funktioniert nach dem Muster einer übersehenden Paradoxie. Manche Menschen finden an der Geschichte, die von dem Barbier handelt, der alle Männer des Dorfes rasiert, die sich nicht selbst rasieren, überhaupt nichts ungewöhnlich. Andere hingegen finden den Satz „Ich lüge!“ überhaupt nicht interessant, obwohl man diesen Satz aufgrund der paradoxen Aussage als den kürzesten Witz der Welt bezeichnen könnte. Die Vermarktung der Authentizität ist ein ebensolches Paradoxon, das davon lebt, dass es nicht erkannt wird. Sie lebt davon, dass „übersehen“ wird, dass sie der Verwertung dient.   

Um der bierernsten Fetischisierung entgegenzuwirken, kann Humor eine wertvolle Stütze sein. Überhaupt bedeutet über etwas Lachen zu können, diejenige Distanz herzustellen, die Reflexion überhaupt erst möglich macht. Deshalb ist die Gärbar ein aufklärerisches Projekt. Reflexion und Genuss  bielden in der Gärbar keine Widersprüche und deshalb hauen wir uns am liebsten das TAP 5 hinter die Binde. Scheißegal, wo es verkauft wird. 

Hallo Bochumer SPD,

es mag für dich kein Geheimnis sein, dass wir dich schon (fast) immer kacke fanden. Das muss aber erstens nicht heißen, dass das immer so sein muss, und zweitens soll dich das nicht dazu auffordern, uns in unserer Meinung durch dein Handeln zu bestätigen.
Dir ist bestimmt längst klar, dass es um die Zweckentfremdungssatzung in Bochum geht. In unserem letzten Editorial hatten wir noch das sozialdemokratische Märchen wiedergegeben, wonach die Bochumer SPD noch keine feststehende Meinung zur Zweckentfremdungssatzung hätte und deshalb die Entscheidung im Rat der Stadt vertagt wurde – das war vor der Bundestagswahl. Nach der Bundestagswahl ging es dann ganz schnell: Die Zweckentfremdungssatzung wurde abgelehnt, obwohl die Basis der SPD in den Bezirksvertretungen mehrheitlich dafür votiert hat.
Wer am Boden liegt, soll nicht weiter gescholten werden. Aber was glaubt ihr eigentlich, wieso die SPD erst in ihrem sog. Stammland NRW und dann bei der Bundestagswahl so abgeschissen ist? Wieso gelingt es der SPD noch nicht einmal mehr, ihre Stammwählerschaft zu mobilisieren? Wir verraten euch jetzt mal was: Eine Sozialdemokratie, die keine sozialdemokratische Politik macht, braucht kein Mensch. Und dadurch, dass ihr euch in den Dienst der Wohnungswirtschaft stellt, die am Ende des Tages von einem engen Wohnungsmarkt am meisten profitiert, verstärkt ihr nicht gerade eure Glaubwürdigkeit. Aber das habt ihr ja schon selbst gemerkt, oder?
Prost
Deine Gärbar-Crew

Willkommen im Gärspace

Bereits im letzten Editorial haben wir den Graswurzelgedanken angesprochen: Die Gärbar ist kein kommerzieller Schankbetrieb, sondern der Abend wird erst durch das gesamte Setting spannend. Er lebt vor allem durch seine Gäste. Um dem Graswurzelgedanken noch mehr Raum zu geben, haben wir den Gärspace eingerichtet. Der Gärspace ist eine kleine Ecke im SZ am Abend der Gärbar, in der Du deine Gärprodukte anbieten und/oder mit anderen Leuten ins Gespräch über Gärung kommen kannst. Hier können Erfahrungen rund um das Thema Fermentation weitergeben und ausgetauscht werden. Wir denken, dass dieses Wissen zum Beispiel auch für Foodsharing-Projekte spannend sein kann, weil durch die Gärung Lebensmittel haltbar gemacht werden und so weniger Lebensmittel weggeworfen werden müssen. Außerdem: Wer gärt, stellt oft größere Mengen her, weil es sich sonst nicht so recht lohnt. Überschüsse könnt Ihr im Gärspace verschenken oder tauschen.

Have a lot of fun in the gärspace!

Prost

Eure Gärbar-Crew

g3066

FreitagIstGärbar

Eine Hommage an die Bierkultur von unten

Nicht alle, die zum ersten Mal in die Gärbar kommen, wissen, dass wir gar keine kommerzielle Kneipe sind. Die Leute, die hinter der Theke stehen, betreiben das als Hobby. Wir sind gerne GastgeberInnen und freuen uns, wenn sich unsere Gäste freuen. Noch schöner finden wir es aber, wenn sich das Verhältnis diesseits und jenseits der Theke auflöst oder zumindest in produktiver Art und Weise verschwimmt. Was ist damit gemeint? Ganz generell finden wir, dass wir alle die Gärbar machen. Zum Beispiel wäre sie ohne das SZ nicht möglich. Na klar, es gibt die Crew, die die Karte zusammenstellt und das Bier ausgibt usw. Aber der Abend wäre nichts ohne die Menschen, die vor der Theke stehen. Noch besser wird das Ganze, wenn Leute von euch auf die Idee kommen, sich einzubringen. Der heutige Abend (und auch schon der letzte) wäre nicht denkbar gewesen ohne die Initiative von Guido. Auch in der Vergangenheit hatten wir schon Biere auf der Karte, bei denen „Gäste“ gesagt haben, dass ihnen ein Forum gebührt. Dass wir das richtig gut finden, versteht sich von selbst: Schöner kann der Graswurzelgedanke nicht gelebt werden.

Wir freuen uns auf Biere aus Litauen.

Prost

Eure Gärbar-Crew