Konsens, Dissens und soziale Praxis

Manchmal müssen im SZ Entscheidungen getroffen werden. Welches Bier wird bestellt, wie funktioniert das mit dem Putzen, wen beauftragt man, mit den Vermietern zu reden? Bei solchen Entscheidungen sollte niemand untergebuttert werden und deshalb ist es gute basisdemokratische Tradition, Entscheidungen auf eine möglichst breite Basis zu stellen und im Konsens zu entscheiden. Wenn sich alle einig sind, wissen nicht nur alle Bescheid, sondern es muss sich auch niemand übergangen fühlen.

In vielen linksradikalen Läden wurde sich darauf verständigt, nur veganes Essen anzubieten. Das ist Anbetracht des Tierleids nachvollziehbar und auch Menschen leiden unter dem weltweit stetig wachsenden Bedürfnis nach tierischem Eiweiß: Es geht viel Land für den Anbau von Futtermittel (z.\,B. Soja) verloren, das viele Menschen satt machen könnte. Aus diesen und anderen guten Gründen wurde bereits zu Gründungszeiten des SZ gefordert, ausschließlich pflanzliche Lebensmittel in der Küche zuzulassen. Wir haben uns damals dennoch dagegen entschieden und diese Entscheidung wird mittlerweile angezweifelt: Ein veganer Konsens soll her.

Das SZ war von seinem Anspruch immer ein Projekt, das möglichst wenig auf soziale Abgrenzung aus ist. Klar ist natürlich, dass jeder linke Laden nicht alle Menschen gleichermaßen anspricht, weil man in linken Läden damit rechnen muss, Leute zu treffen, für die Staat, Nation und Kapitalismus keine Selbstverständlichkeiten darstellen. Auch sollten bestimmte andere Dinge klar sein: Wir wünschen nicht nur eine Gesellschaft frei von Diskriminierung und Benachteiligung, sondern unsere Räume sollten dies schon jetzt sein. Auch wenn es nicht immer klappt, so denken wir, ist das im SZ Konsens; ohne dass dafür extra ein Beschluss auf dem Plenum her muss, ganz einfach weil es soziale Praxis im SZ ist, erst einmal allen Menschen mit einem gewissen Vertrauensvorschuss zu begegnen.

Was mit dem vegan Konsens gefordert wird, ist gerade deshalb kein Konsens, weil die soziale Praxis der Nutzer/innen offenkundig anders aussieht. Zumal nicht alle Menschen, die fordern, dass SZ solle bitte schön ein veganer Raum werden, auch zuhause vegan leben. Das hat schon was von Doppelmoral: Im SZ auf vegan und moralisch machen, aber im Privaten dem Laster nachgeben. Wäre vegan soziale Praxis im SZ, wäre ein Plenumsbeschluss, der sich Konsens nennt, hinfällig. Ein solcher „Beschluss“ hat entweder den Charakter eines Verbots oder eines Tabus. Beides ist irgendwie kacke.

Ein Appell hätte es ebenso getan und hätte wahrscheinlich zum gewünschten Ergebnis geführt. Gute Gründe gibt es ja.

Prost

Deine Gärbar-Crew

Sankt Martin in Bochum: Heiligenkult als Geschäft

Die meisten in der Gärbar sind krasse Atheist/innen, aber den Martin von Tours kann man ja trotzdem gut finden. Immerhin ist er der Schutzpatron der Gefangenen, der Flüchtlinge und der Armen, also allesamt soziale Gruppen, denen ein ordentlicher Schutzpatron nicht schadet. St. Martin war völlig zu Recht einer der beliebtesten Heiligen im Mittelalter und jeder Martin sollte froh sein, diesen Namen tragen zu dürfen.

Ausgerechnet die katholische Propsteikirche Peter und Paul, die den großen Martinszug in der Innenstadt veranstaltet, zieht das Ansinnen St. Martins in einer Art und Weise in den Dreck, die selbst wir nicht unkommentiert hinnehmen können. Zusammen mit dem Rotary Club Bochum ruft die Kirche in einem Flyer zu dem zentralen Zug auf. In der ersten Hälfte des kleinen Heftchens geht es ziemlich fromm zu. Die Lebensgeschichte Martins wird kindgerecht dargestellt, die Story mit dem Mantel wird erzählt und wie Martin der Bischof von Tours geworden ist. Dazu ein paar Martinslieder…

Vorne Fromm, hinten Völlerei

Blättert man weiter, so drängt sich der Eindruck auf, der Martinsumzug sei das Anhängsel einer Werbebotschaft und eine Einladung sich auf das Fest des Konsums einzustellen: Spielwarengeschäft um Spielwarengeschäft werben in dem kleinen Heftchen um die Gunst der Käuferschaft. Vorne die Tugend der Armut predigen und hinten heraus, dem Konsum anheimfallen. Dass empörende dabei ist gar nicht so sehr, dass Martin zur Werbefläche verkommt, sondern dass das niemand in der Kirche aufzufallen scheint.

Ein Prost auf den heiligen Martin von Tours

Deine Gärbar-Crew

OMG: Craft Beer ist Mainstream!

In einer großen Supermarktkette ist letztens etwas Verstörendes passiert: Es gab ein kleines Craft-Beer-Regal, was ja für sich genommen nichts mehr Besonderes ist: In vielen Supermärkten gibt es mittlerweile Craft-Beer-Abteilungen und insgeheim freuen wir uns über diese Entwicklung. Belgische Verhältnisse sind ja nicht die Schlechtesten. Diesmal stand aber das von uns so geschätzte TAP 5 im Regal. Und das löste einen Stich aus, der sich in diese Richtung anfühlte: Wenn die hier das TAP 5 verkaufen, hat die Gärbar doch eigentlich ihre Existenzberechtigung verloren? 

Zwar mögen nicht alle von der Crew das TAP 5, aber einige würden es mit auf eine einsame Insel nehmen. Ursprünglich wurde das TAP 5 für den amerikanischen Markt entwickelt. So etwas wollten uns die Schneiders wohl nicht zumuten. Das TAP 5 korrespondiert gut mit der Identität der Gärbar und vereinigt viele Eigenschaften, die wir an einem Bier schätzen. Vor allem finden wir gut, dass es ein Unikat darstellt, das mit einer ordentlichen Portion Hopfen in der Tasche, die vielen Volumenprozente gekonnt kaschiert.  Außerdem taugt es als Substitut fürs Orval und es gab eine Zeit vor dem Craft-Beer-Hype, da war dieses Zeug ein echter Geheimtipp und nirgends außer in einem schmuddeligen Getränkemarkt an der Gahlenschen Straße zu bekommen. Auch dort gab es eine Zeit lang Lieferengpässe, sodass ein Bierfreund sich eine Europalette nach Hause hat liefern lassen. Von da an hieß es für ihn: Jeden Tag TAP 5.  

Dass das TAP 5 im Supermarkt stand, war die Verdinglichung dessen, was schon länger klar ist, aber stets verdrängt wurde: Craft Beer ist sowas von kommerz und mainstream, dass ein ganze Armada von Werbetextern uns einzuträufeln versucht, dass Craft Beer etwas total authentisches, einzigartiges und echtes wäre. Echtes Handwerk eben. Das wird manchmal so auf die Spitze getrieben, dass man sich unweigerlich an die Unterscheidung vom raffenden und schaffenden Kapital erinnert fühlt. Und damit diese Illusion des Einzigartigen aufrechterhalten wird, müssen immer neue Biere her. Da sich das Neue und Einzigartige im Gebrauch gewissermaßen abnutzen und nur eine geringe Halbwertzeit besitzt, entsteht ein besonders dynamischer Markt, der vor allem vom Trend lebt und davon, diesen zu setzen. Da dieser Markt vor allem auf Exklusivität setzt, sind ihm kommerzielle Erfolgsschranken eingebaut. Es ist so wie mit Punk-Bands: Werden sie zu erfolgreich, hören sie auf Punk zu sein, auch wenn die Musik die gleiche ist.  

Die Währung, mit der auf diesem Markt gehandelt wird, heißt Authentizität. Bei Authentizität handelt es sich um ein mehr oder weniger romantisches Konzept, das dichotom aufgebaut ist: Hier das Echte, wahre Wesen und dort der falsche Schein, die Entfremdung. Hier das echte Bier aus einer inhabergeführten Brauerei, dort der anonyme Lebensmittelkonzern, der u. a. auch Bier macht. Hier der heiße Scheiß, dort die Fernsehplörre. Es mag einen Grund dafür geben, dass oft übersehen wird, dass dieses oppositionelles Gefüge existiert, sodass das Echte nicht ohne das Falsche auskommt. 

Ganz ähnlich funktioniert die Herstellung von Individualität. Das Gegenteil von Individualität ist Kollektivität bzw. das Soziale. Das Soziale erscheint als etwas, das dem Individuum von außen als Zwang auferlegt ist (von der Gesellschaft zum Beispiel) und ist damit ziemlich unauthentisch, woraus der wiederum ziemlich unauthentische Versuch zur Individualität resultiert, deren Herstellung das Soziale voraussetzt, sodass das Individuum ohne das Soziale nicht denkbar ist. All das scheint der junge Punk nicht zu begreifen, wo es sich doch gerade so nonkonform, individuell und authentisch anfühlt.   

Dieses Nichtbegreifen funktioniert nach dem Muster einer übersehenden Paradoxie. Manche Menschen finden an der Geschichte, die von dem Barbier handelt, der alle Männer des Dorfes rasiert, die sich nicht selbst rasieren, überhaupt nichts ungewöhnlich. Andere hingegen finden den Satz „Ich lüge!“ überhaupt nicht interessant, obwohl man diesen Satz aufgrund der paradoxen Aussage als den kürzesten Witz der Welt bezeichnen könnte. Die Vermarktung der Authentizität ist ein ebensolches Paradoxon, das davon lebt, dass es nicht erkannt wird. Sie lebt davon, dass „übersehen“ wird, dass sie der Verwertung dient.   

Um der bierernsten Fetischisierung entgegenzuwirken, kann Humor eine wertvolle Stütze sein. Überhaupt bedeutet über etwas Lachen zu können, diejenige Distanz herzustellen, die Reflexion überhaupt erst möglich macht. Deshalb ist die Gärbar ein aufklärerisches Projekt. Reflexion und Genuss  bielden in der Gärbar keine Widersprüche und deshalb hauen wir uns am liebsten das TAP 5 hinter die Binde. Scheißegal, wo es verkauft wird. 

Nur in der Gärbar: Stiefel-Jürgens Bier

 

Wer auf der A 2 an der Ausfahrt Beckum vorbei kommt, sollte unbedingt einen Zwischenstopp bei Stiefel-Jürgens einlegen. Die Brauerei in der Beckumer Innenstadt wurde 1680 geründet und nennt sich älteste Brauerei Westfalens und wahrscheinlich stimmt das auch. Das Bier der Wahl ist das Stiefel-Jürgens Bier, eine helle obergärige Bierspezialität. Also eigentlich ein Kölsch, wobei sich Biere ja nur Kölsch nennen dürfen, die in der Region in und um Köln herum gebraut werden. Bei ratebeer.com wird es jedenfalls als Kölsch gelistet. Eigentlich haben wir es mit einem westfälischen Alt zu tun. Wobei ein Alt-Bier auch nichts anderes als ein obergäriges Bier bezeichnet, das in aller Regel am Niederrhein oder in Düsseldorf und um Düsseldorf herum gebraut wird. Oft aber mit dunkleren Malzsorten, so dass ein dunkleres Bier entsteht. Ein Alt eben. Würde das Alt mit hellem Malz gebraut, wäre es wieder ein Kölsch, das sich aber nur Kölsch nennen darf, wenn… so klein und banal können manchmal die Unterschiede sein, die angeblich Welten trennen.

Das wirklich Besondere ist wohl bei diesem Bier, dass wir es mit einem alten Rezept zu tun haben, das sich nur durch die lokale Akzeptanz halten konnte. Die Brauerei Stiefel-Jürgens ist eine echte Familienbrauerei, die ihr Bier entweder vor Ort im Brauerei-Ausschank ins Glas füllt oder zum Mitnehmen in Flaschen abfüllt, aber auch nur (?) vor Ort gut gekühlt verkauft. Wir haben natürlich einen Kasten für uns mitgebracht.

Richtig gut gefällt uns natürlich die Geschichte mit der Oma: Im Zuge der Kriegsmobilmachung der Nationalsozialisten wurden Sudpfannen und Ähnliche Kunstwerke aus kriegswichtigen Metallen eingeschmolzen. Die Oma des aktuellen Brauers verschanzte sich in einer Sudpfanne, als diese dem Vernichtungskrieg zum Opfer fallen sollte. „Nur über meine Leiche!“, soll sie gerufen haben. Die Nazis ließen ab. Courage war also auch im NS möglich.

Das Foto zeigt das sog. Ur-Alt. Eine obergärige Bierspezialität mit dunklen Malzen, was stark an die Biere erinnert, die wir in England getrunken haben. Für die Gärbar im November haben wir aber das Helle mitgebracht, das in seinem Charakter unverwechselbar ist. Wir hatten das Stiefel-Jürgens schon vom Fass in der Gärbar – im Übrigen das einzige Fassbier, das wir jemals ausgeschenkt haben. Beim Stiefel-Jürgens bringt die eigene Hefe die besondere Note ins Bier. Getreu dem alten Spruch: „Der Brauer macht die Würze, die Hefe macht das Bier.“

Wir freuen uns schon darauf, dieses feine Bier mit euch zu probieren. Es ist ziemlich flat, wie man in England sagen würde. Die Hefenoten haben in der Nase etwas pilziges und erinnern an Camembert, über dem eine leicht frisch-fruchtige Note liegt. Im Mittelteil wechseln sich florale, hefige, würzige und floral-hefige Noten ab, also total komplex, so wie wir es mögen. Insgesamt ist es aber nicht auf Bitterkeit oder Kante gebraut, sondern auf Süffigkeit und darin unerreicht.

Pioniere der Gentrifizierung?

Ein Gespenst geht um in Bochum, das Gespenst der Gentrifizierung. In anderen Großstädten wie Berlin oder Frankfurt längst brutale Realität, soll sie nun auch die nördliche Innenstadt Bochums anheimfallen. Warum?

Zwischen Herner- und Dorstenerstraße fahren findige Kleinunternehmer/innen Gastrokonzepte, die nach Szene schmecken. Warum dort? Weil es dort relativ viel Leerstand gibt und deshalb die Mieten günstiger sind als im südlichen Innenstadtbereich. Was war vorher im Lokal vom Kugelpudel? Leerstand! Was war im Ladenlokal der Tinkhalle? Vor Ewigkeiten war dort ein kurdischer Arbeiterverein beheimatet und dann stand es einfach leer. Und wer kann sich noch erinnern, wer vor dem dem Café Eden die Räume bewirtschaftet hat? Die Goldkante ist ja auch schon länger raus.

Liebe Sorgenträger/innen: Wenn Leute mit coolen Konzepten Brachen belegen, ist das keine Gentrifizierung, sondern ein wünschenswerter Vorgang. Nicht wünschenswert ist, wenn Leute mit weniger Kapital aus einer Wohngegend zugunsten von Leuten mit mehr Kapital verdrängt werden. Auch wenn es dafür zwischen Herner und Dorstenerstr. keinerlei Anzeichen gibt: Dagegen sollten wir vorgehen.

Und wen sollte man auch für Gentrifizierung verantwortlich machen? Etwa die sog. Pioniere, die wie Ruderalpflanzen Brachen besetzen? Vielleicht ist die Sorge vor Gentrifizierung eher Ausdruck einer Krise des Politischen. Statt einem politischen Entwurf zu folgen, versuchen wir politische Dinge privat und als Lebensstil zu regeln: Wir essen vegan, kaufen nur bio, boykottieren hier und dort. Und wie soll man so gegen Gentrifizierung vorgehen? Lieber nach Wattenscheid oder Stiepel ziehen? Es möglichst ungemütlich und die Hunde auf den Gehweg kacken lassen? Gegen Gentrifizierung helfen keine gutgemeinten Vorsätze. Hier geht es um die Wohnungsfrage, die unmittelbar mit der sozialen Frage verbunden ist. Es geht also darum, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und für welche Gesellschaft wir bereit sind zu kämpfen.

Prost

Deine Gärbar-Crew

Wie hältst du es mit dem Religiösen?

In der Gärbar greifen wir gerne religiöse Anspielungen auf. So hatten wir schon ein Sankt Martin Spezial oder auch im Dezember ein Nikolaus Spezial. Nun also ein Advent Spezial. Zugegeben: Die Gefahr, dass wir als abgefuckte Punks des religiösen Umtriebes verdächtigt werden, ist ziemlich gering, auch wenn es min. einen Agnostiker in der Crew gibt (Will sich wohl alle Optionen offen halten. Aber das funktioniert nicht. Anmerkung der Setzer). Auch das SZ ist als Wirkungsstätte des organisierten Atheismus bekannt. Alles also unverdächtig und voller ironischem Augenzwinkern, der schönen Abteibiere zum Trotz.
Wenn es allzu unverdächtig zugeht, sollte die Aufmerksamkeit geschärft werden. Denn hinter der vordergründig aufgeklärten Zurückweisung der Religion, kann sich selbstredend das Religiöse verstecken. Das würde im schlimmsten Falle bedeuten, dass wir den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Wenn wir, was wir ablehnen, durch das Hintertürchen wieder einführen, wird damit die Chose weniger kontrollierbar. Nicht so gut.
Nehmen wir doch mal Gott. Gott war im Mittelalter eine echte Bank. Wer nicht krank werden wollte, zündete eine Kerze an, sprach ein gutes Gebet und war voller Hoffnung. Heutzutage mag es so sein, dass wir durch den Park rennen, darum voller Hoffnung sind und am Ende mit Flugzeug abstürzten (Luhmann). Gott wurde ersetzt: durch die Natur, aber auch durch die Gesellschaft. Gesellschaft wird als wirkende Kraft etwa von traditionellen MarxistInnen so stark gemacht, dass ihre Lehre vom Lauf der Geschichte der christlichen Prädestinationslehre ebenbürtig ist.
Gott ist tot oder aber zumindest überflüssig! Selbst diejenigen, die in den Gemeinden aktiv sind, führen dafür durchaus weltliche Motive an. Dennoch hat Gott durchaus seine Wiedergänger, die ihren Ausdruck in den diversen Überzeugungen finden, die als „absolute Wahrheit“ vorgetragen werden. Ob diese Vielgötterei in Form von Zombies gut ist oder schlecht, ist kaum zu sagen. Aber: Mit dem Monotheismus wurde die Unterscheidung zwischen wahr und falsch eingeführt und damit Gewalt gerechtfertigt. Polytheistische Gesellschaften sollen im Vergleich zu monotheistischen Gesellschaften ja die friedlicheren und toleranteren sein, weil sie die Vielfalt quasi in die gesellschaftliche DNA eingraviert haben. Das ist auch so ungefähr der religiöse Geist der Gärbar.

Prost
Deine Gärbar-Crew

English Ales – ein Reisebericht in der Ich-Perspektive (Lobhudelei)

„Wir fahren nach England und ich freue mich schon auf das englische Bier.“, erzählte ich meinem Nachbarn. „Englisches Bier? Das ist ja e-kel-haft. Warm und schal. Einfach ungenießbar.“ Ich ließ das mal so stehen. Jedenfalls freute ich mich auf England. Und vor allem auf die Pubs und auf die Ales. Ich habe sogar auf die Anschaffung eines neuen Rennrades verzichtet, mit dem Vorsatz die Hälfte dessen, was das Rad gekostet hätte, zu versaufen. Es stand also ein Betrag von rund 600 € zur Verfügung.

Ich hatte noch kein schlechtes Bier von der Insel getrunken. Zugegeben ist die Auswahl britischer Biere in Bochum nicht sehr groß. Es gibt neben Newcastel Ale (vielleicht habe ich doch schon ein schlechtes englisches Bier getrunken, aber schon lange her) manchmal Bishops Finger, Spritfire und Abbot zu kaufen. Aber zu Unsummen. Deshalb halte ich mich eher ans Düsseldorfer Alt (Schumacher, Uerige), wenn mir nach einem Ale ist, das man auch in einem englischen Pub als lokale Spezialität verkaufen könnte.

In den 90er Jahren gab es in GB Bestrebungen, billiges Lager an die Taps zu bringen. Dagegen formierte sich die Campaign for Real Ale, kurz CAMRA. Ein Bierfreund brachte mir noch am Tag der Abreise in aller Herrgottsfrühe CAMRA’S Good Bottled Beer Guide und CAMRA’S Good Beer Guide vorbei, damit wir, wie er meinte, nicht die Orientierung verlören. Die Kampagne war recht erfolgreich. Zwar bekommt man in den Pubs auch billiges Lager, aber immer auch lokale Ales, die, wie es sich gehört, ins Pint gepumpt werden.

In England gibt es einen echten Unterschied zwischen Fass- und Flaschenbier, den jede sofort schmeckt. Gezapftes Bier ist flat, was am besten mit still übersetzt werden kann. Im Idealfall ist es nicht pasteurisiert. Es bleibt dem Wirt überlassen, den Reifeprozess zu beobachten und den richtigen Zeitpunkt für den Ausschank auszuwählen. Es kann also sein, dass ein Bier aus der gleichen Brauerei in unterschiedlichen Pubs je nach Lagerung unterschiedlich schmeckt. Fantastisch.

Vor meinem ersten Pub-Besuch in Bidefort war ich ein wenig aufgeregt. Da man in England das Bier an der Theke bestellt (wie in der Gärbar also), erregten wir unmittelbare Aufmerksamkeit. Es sprach sich wohl schnell herum, dass Deutsche explizit nach lokalen Bieren gefragt hätten. So kamen wir schnell ins Gespräch mit den Leuten und quatschten über Knödel, Brexit und eben britisches Bier.

Im Glas hatte ich ein Otter Bitter. Das Zeug hat nur 3,6 Vol. Prozent und ist eine wahrhafte Aromenwiese. Richtig gutes Zeug. Das sollten sich die ganzen Craft-Bier-Hippster-Yuppies mal hinter die Ohren schreiben: Gute Biere verstecken den Alkohol, bessere Biere kommen ohne hohe Prozentwerte aus.

Bidefort hatte schon bessere Zeiten erlebt, das sieht man der Stadt direkt an. Dennoch gibt es vor Ort eine kleine Brauerei, die ein paar örtliche Pubs beliefert. Wir haben einen Tipp bekommen, wo das Jellyboat ausgeschenkt wird. Dieser Pub hatte eher Jugendheim-Charakter, was durch den Billard-Tisch noch verstärkt wurde, und muss der lokalen Alternativ-Szene als Treffpunkt dienen. Dennoch machte das Publikum, wie in allen Pubs, keinen homogenen Eindruck. Ein paar ältere Leute saßen an der Theke neben ein paar Freaks und ein paar jüngere Gäste spielten Billard. Die Szene fügte sich in das Bild, das gerne von Pubs verbreitet wird: Im Pub trifft sich Hinz und Kunz (ähnlich wie in der Gärbar, wo das Publikum auch eher heterogen ist). Das Jellyboat selbst roch nach Butterkeks. Butteraromen gilt hierzulande als Fehlton und ist im Bier unerwünscht. Das galt aber für Bretanomices auch mal. Der Fehler von Heute kann also zum Trend von Morgen werden. Mir hat dieses Bitter jedenfalls gut geschmeckt.
Im nächsten Pub probierte ich ein Proper Job. Das Proper Job ist ein britisches IPA mit 5, 5 Prozent und hat sich wohl zu meinem britischen Lieblingsbier gemausert. Es hat eine schöne Nase, ist fein bitter und schmeckt sowohl aus der Flasche als auch aus dem Fass. Bislang dachte ich, dass IPA so bei 6 Vol. Prozent starten. Ich wurde eines besseren belehrt. Auf der Insel fangen IPA, so ist es im CAMRA’S Good Botteled Beer Guide nachzulesen, ab 4, 8 Vol. Prozent an. Und wiedereinmal ging ein liebgewonnenes Koordinatensystem von Schubladen zu Bruch.

„Drink up, please!“, forderte Caroline ihre Gäste auf. Die Sperrstunde nahte. Eigentlich ist sie ja abgeschafft, aber es müssen wohl Lizenzen erworben werden, um länger geöffnet zu haben, was sich anscheinend für viele Pubs nicht lohnt. So bleibt die Sperrstunde für viele Pub-Besucher erhalten. Eingeführt wurde sie ursprünglich, um die Arbeitsfähigkeit der Arbeiterklasse nach dem Zechen zu gewährleisten. Mittlerweile ist sie den Sicherheitsbehörden ein Dorn im Auge. Weil in den Großstädten viele Besoffene zur gleichen Zeit den Pub verlassen und sich an U-Bahnhöfen oder Imbissen begegnen, kommt es oft zu Schlägereien. Es ist wie so oft im Leben. Man meint ein Problem gelöst zu haben und hat sich mindestens doppelt so viele geschaffen.

Die Bierauswahl in einem größeren Supermarkt ist fantastisch. Wie heißt es in CAMRA’s Good Bottled Beer Guide: „Shopping for good bottled beer has never been easier. The major supermarkets now offer a wide varierty of beers“ (S. 405). Im Supermarkt gibt es die Biere im Massenrabatt. Vier Flaschen a 0, 5l. für 6 Pfund. Ein Bier kostest somit ca. 1, 95 Euro. Es gibt auch Craft-Beer von der Insel und Importe aus den USA oder auch Island auch zum Kurs 4 für 6. Allerdings wird das Craft-Beer in 0, 33 l. Flaschen abgefüllt. Aber wer braucht schon ein neues IPA aus den USA, wenn britische Originale daneben stehen?

Leider habe ich es nicht geschafft die 600 € zu versaufen. Dafür stand zu oft hartes Wandern auf dem Programm der Feriengemeinschaft. Auch wenn es mein Nachbar nicht nachvollziehen kann: Bislang dachte ich, dass in Belgien die besten Biere der Welt gebraut werden. Die Belgischen Brauer(innen) haben es zugebender Maßen wirklich drauf, hohe Prozentwerte im Bier zu verstecken. Englische Ales kommen ohne viel Volumenprozent aus. Chapeau!

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Craftbeer seit 1862

Wirkt ein wenig trotzig, hat aber dennoch einen wahren Kern
Wirkt ein wenig trotzig, hat aber dennoch einen wahren Kern

Das Plakat, auf dem im Uerige darauf hingewiesen wird, das man bereits seit 1862 Craftbeer mache, wirkt ein wenig trotzig. Die Botschaft ist eindeutig: Wir bleiben uns treu und haben schon gutes, handwerkliches Bier gemacht, als es „Krafft-Bier“ noch gar nicht gab. Wir finden es gut und richtig, dass mit der Craftbeer-Welle kleinere und kreative Brauer_innen mitschwimmen können und so die Bierlandschaft bereichern. Aber wir teilen tendenziell den Duktus des Plakats: Traditionsreiche Brauereien, wie zum Beispiel Girardin aufzuspüren, die der allgemeinen Lagermode trotzig ausgeharrt und ihr Ding durchgezogen haben, hat seinen eigenen Reiz.

Genauer betrachtet offenbart das Plakat jedoch eine gewisse Widersprüchlichkeit, die dem Label Craftbeer generell zu eigen scheint. Auf dem Plakat ist das Uerige Doppelsticke zu sehen. Dieses Bier wird seit 2005 für den amerikanischen Markt gebraut. In Düsseldorf hat man also die Zeichen recht früh für diesen kleinen, aber recht kaufkräftigen Craftbeermarkt erkannt.

Es geht also mehr um die Inszenierung von Authentizität und das funktioniert nach dem gleichen ideologischen Muster, nach dem sich das Reinheitsgebot als „rein“ inszeniert. Es bedarf der Konstruktion eines illegitim Anderen. Im Falle des Craftbeers ist es das industrielle Massenbier. Diese Gegenüberstellung von Qualität bzw. Genuss und Quantität bzw. Rausch (als ob wir das gute Zeug nur für den reinen Genuss trinken würden) schafft erst das Produkt, das der kaufkräftigen Mittelschicht so gut schmeckt. Vielleicht könnte man in diesem Zusammenhang von immaterieller Arbeit im Sinne Antonio Negris sprechen, weil der Wert der Ware vor allem ein Produkt kommunikativer Akte darstellt, welche angereichert werden durch eine verstetigte, positive Selbstkonditionierung, die sich in der Jagd auf das neue tolle, extravagante Bier manifestiert.

Viel Spaß dabei.

In Eurer
Gärbar

Pfandregime

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Wir wollen beileibe nicht jammern: Aber das Pfandsystem stellt uns immer wieder vor Aufgaben, die einigermaßen viel Energie kosten. Das liegt schlicht an der Vielfalt der Flaschenformen, in die das Bier abgefüllt wird. Vielfalt finden wir grundsätzlich gut, aber in diesem Falle? Nein, keine Sorge. Wir wollen nicht der ultimativen Standardisierung das Wort reden. Eine schöne und einzigartige Flasche ist Teil des Biergenusses. Deshalb reichen wir die Falsche immer mit über die Theke. Und was wäre das Orval ohne diese schöne 0,33 l. Kegelflasche? So ist dieses Bier von der Falsche bis zum Inhalt ein echtes Unikat.

Man kann ruhig annehmen, dass der Kapitalismus zur Rationalisierung drängt und diese prinzipiell mit Standardisierung einhergeht. Bereits das Transportwesen wünscht standardisierte Packmaße, um die Flächen voll ausschöpfen zu können. Und tatsächlich: Jeder vermeidbarer Hohlraum drückt nicht nur die Profitmaximierung, sondern schont auch Ressourcen. Dennoch: Wir finden die Flaschenvielfalt so gut, wie die Vielfalt der Gläser in belgischen Kneipen.

Die Flasche ist eine Designfrage, aber auch eine Frage des Trinkflows. Nehmen wir mal das TAP 5. Dieses Bier ist eines der besten Biere überhaupt, geht aber in der Gärbar nur mäßig gut über die Theke. Am Inhalt kann es nicht liegen, am Publikum auch nicht. 😉 Wir sind fest davon überzeugt, dass das TAP 5 in einer schicken 0,33l. Longneck-Flasche gehen würde wie geschnitten Brot. Aber höchstwahrscheinlich kann das die Abfüllanlage von Schneider nicht oder die Bayern haben keinen Bock auf kleine Portionen. Der Zusammenhang von Trinkflow und Flasche sollte nicht unterschätzt werden. Immerhin scheint die Einführung der Bügelflasche (wiederverschließbar, irgendwie retro) in den 90er Jahren, der Fiege Brauerei den Arsch gerettet zu haben. Unterm Strich: Wir wollen keine Flascheneinfalt, weil Flaschenvielfalt und Biervielfalt unmittelbar einhergehen.

Dennoch nerven uns die Nebenwirkungen der Vielfalt. Das führt nämlich dazu, dass das Pfandmanagement der Gärbar eine Angelegenheit für SpezialistInnen ist. Manche Flasche aus dem Gärbar-Keller muss nach Belgien, Holland oder „nur“ an den Niederrhein gefahren werden, um abgegeben werden zu können. Dann gibt es Getränkehändler, die recht großzügig mit der Flaschenannahme sind, aber sich bei den Rahmen anstellen. Die Ritterguts-Gose zum Beispiel kann man in der Nähe nirgends kaufen. Was sollen wir mit den Rahmen machen? Blumentopfhalter basteln? Wir finden, es ist die Aufgabe des Handels, es zu übernehmen, dass jede Falsche und jeder Rahmen überall abgegeben werden kann. Denn nur so funktioniert ein Pfandsystem. Am besten europaweit.

Das klingt irgendwie nach einer irrationalen Forderung? So als könne man das nicht erwarten? Höchstwahrscheinlich ist das auch so. Höchstwahrscheinlich passt Vielfalt und Kapitalismus nicht so recht zusammen. Ein Grund mehr ihn abzuschaffen.

Gärbar in Belgien

Die Gärbar-Crew und ein paar FreundInnen waren mal wieder im schönen Belgien – natürlich auch um Bier zu kaufen. Mittlerweile hat die Frühlingsfahrt Tradition: Das Herver Land ist so eine Art Geburtsstätte für die Gärbar. Damals war belgisches Bier noch der ganz heiße Scheiß und höchstens bei Manufaktum zu bekommen. Wir hatten damals ebenfalls in Aubel bei Stassen Bier gekauft und mit hübsch formulierten Texten unseren FreundInnen auf Geburtstagspartys kredenzt. Die Gärbar fühlt sich tatsächlich so ähnlich an, wenn es nicht zu voll ist.

Diesmal haben wir ein Experiment gewagt: Wir waren bei Colruyt, um ein paar Standardbiere zu besorgen und vor allem das Val Dieu Bier recht günstig einzukaufen. Im Auto meinte wer, dass dieser Laden das Aldi-Prinzip auf die Spitze treibe. Einhellige Meinung: Die Einschätzung war maßlos untertrieben. Wo gespart werden kann, wird bei Colruyt gespart, zum Beispiel hat die Tiefkühle keine Fester. Die Produkte sind auf die Türen geklebt.

Die Foto-Impressionen beginnen in Aubel, zeigen dann das Kloster und geben ein paar Eindrücke von der ebenso traditionellen Wanderung durch die schöne Heckenlandschaft – Bierprobe inklusive.